Schule neu denken

Qualitätssicherung durch Dezentralisierung

Die Jungen Liberalen setzen sich für eine umfassende Dezentralisierung des Bildungswesens in Nordrhein-Westfalen ein. Zentralisierungsbestrebungen und grundlegend falsche Zielsetzungen haben in der Vergangenheit zu einem bedenklichen Absinken des Bildungsniveaus geführt. Um sicherzustellen, dass die nordrhein-westfälischen Schüler wieder einen angemessenen Bildungsgrad erreichen, muss der Qualität uneingeschränkt Vorrang vor Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit eingeräumt werden. Immer höhere Abiturientenquoten und bessere Notendurchschnitte sind kein Indiz für weltbeste Bildung, sondern für eine zentral gesteuerte Absenkung von Leistungsanforderungen.

Den Schulen muss mehr Freiheit zugestanden werden, selbst Schwerpunkte zu setzen und in pädagogischen, personellen wie finanziellen Angelegenheiten autonom Entscheidungen zu treffen.

  • Die Jungen Liberalen treten für die Abschaffung von zentralen Prüfungen und die Rückkehr zu dezentralen Abiturprüfungen ein. Die Anforderungen müssen dabei erheblich über denen des aktuellen Zentralabiturs liegen. Weiterhin zentral gewährleistet werden muss, dass die Prüfungsaufgaben auf einem vergleichbaren Anforderungsniveau liegen.
  • Ein hoher Grad an Autonomie kann am ehesten durch Schulen in freier Trägerschaft erreicht werden. In der Zukunft sollen jene Schulen daher den überwiegenden Teil der Schullandschaft ausmachen. Die Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft muss auch weiterhin vorwiegend durch Landeszuschüsse gesichert werden; eine Erhöhung der Eigenleistung der Schulträger lehnen wir ab.

Das Subsidiaritätsprinzip ist für die Jungen Liberalen Grundsatz allen staatlichen und politischen Handelns. Wir stehen zur Kultushoheit der Länder und sind der Überzeugung, dass das Kooperationsverbot eingehalten und beibehalten werden muss. Der Föderalismus ist auch im Bildungswesen nach wie vor das richtige Instrument, um Qualität und Autonomie sicherzustellen.

Kein sinnvolles Instrument zur Qualitätsverbesserung in den Schulen ist hingegen die Qualitätsanalyse. In ihrer Grundstruktur ungeeignet und ideologisch fehlgeleitet hat sie sich als kontraproduktiv erwiesen. Wir setzen uns für die Beendigung der Qualitätsanalyse in ihrer bisherigen Form ein.

Bildung, die wir meinen

Die Jungen Liberalen bekennen sich zum liberalen Bildungsideal Wilhelm von Humboldts. Wir wollen Schülern Bildung ermöglichen, die mehr umfasst als Kernkompetenzen oder reine Wissensakkumulation. Lediglich auf Verwertbarkeit ausgerichtete Qualifikationen in Sinne des Literacy-Begriffs der PISA-Studien entsprechen ebenso wenig unserem Bildungsverständnis wie die Modifikation des freien Willens nach der Kompetenztheorie. Die Kompetenzorientierung lehnen wir daher ab; erst Inhalte machen aus Kompetenzen Bedeutsamkeiten. Wir fordern die Rückkehr zu Lernzielen, die durch Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmt sind, und zu Lehrplänen, die Inhalte wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Bei der Überarbeitung der Lehrpläne ist ferner Folgendes zu beachten:

  • Die Lehrpläne sind dahingehend zu überprüfen und zu überarbeiten, dass ihr Aufbau das Vorverständnis der Schüler berücksichtigt und nicht Sach- wie Lernlogik zuwiderläuft.
  • Numerisch-graphische Taschenrechner sind Geräte, die weder in der Lebensrealität der Bürger noch im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle spielen. Ihre verpflichtende Verwendung in der gymnasialen Oberstufe ist abzuschaffen. Stattdessen sollen vermehrt Computeralgebrasysteme zum Einsatz kommen.
  • Das Schreiben mit der Hand ist eine elementare Kulturtechnik. Eine Handschrift zu erlernen, muss zentrales Ziel der Grundschule bleiben und darf nicht durch das Tippen auf einer Tastatur ersetzt werden.

Das Landesinstitut für Schule in Soest (QUA-LiS) sehen wir weder zu den notwendigen Reformen der Lehrpläne noch zu hilfreicher Unterstützung der Schulen in der Lage. Wir sprechen uns für die Auflösung von QUA-LiS aus.

Darüber hinaus fordern wir eine konsequente Orientierung des Unterrichts an empirischen Ergebnissen. An den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung und an vielen Hochschulen haben sich ideologisch begründete Konzepte zum dominierenden Argumentationsmuster entwickelt, die empirischen Überprüfungen nicht standhalten: das selbstbestimmte, selbstgesteuerte und eigenverantwortliche Lernen des konstruktivistischen, kooperativen, entdeckenden und problemorientierten Unterrichts überfordert die meisten Schüler, vor allem jüngere und leistungsschwächere. Unterrichtskonzepte, die empirisch widerlegt sind, dürfen nicht länger Grundlage der Lehrerausbildung sein.

Voraussetzungen für digitalen Unterricht schaffen

Die Digitalisierung schreitet im privaten wie im beruflichen Leben immer weiter fort. Die Schule darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen, sondern muss die Chancen, die sich durch die Digitalisierung eröffnen, für den Unterricht nutzen. Dabei kann es aber nicht um eine digitale Neuauflage des programmierten Lernens gehen. Diese Unterrichtskonzepte sind in Form von Selbstlernprogrammen und Sprachlaboren bereits in der Vergangenheit gescheitert und wurden aus gutem Grund nicht weiter verfolgt. Nicht die Schule soll die Schüler programmieren, sondern die Schüler in der Schule. Dazu soll Informatik in der Sekundarstufe I Pflichtfach werden.

Für die Digitalisierung der Schulen ist eine flächendeckende, zeitgemäße Ausstattung mit Endgeräten und digitaler Infrastruktur Grundvoraussetzung. Wir treten dafür ein, den Schulen IT-Fachleute zur Verfügung zu stellen, die sie bei der Auswahl, Beschaffung und Betreuung dieser Ausstattung unterstützen. Eine Einbindung der Vielfalt der privaten Geräte von Schülern und Lehrern im Rahmen eines Bring-Your-Own-Device-Modells in ein sicheres und zuverlässiges Schulnetz halten wir für nicht realisierbar.

Wir unterstützen die Bereitstellung und Weiterentwicklung der digitalen Plattform LOGINEO NRW. Diese soll den Schülern und Lehrern einen flexiblen, sicheren und datenschutzkonformen Zugriff auf schulische Inhalte und Daten ermöglichen. Keinesfalls darf die Autonomie der Schulen durch eine zentrale Steuerung der Lernmaterialien auf der Plattform untergraben werden.

Strukturen für die beste Bildung der Welt

Wir stehen zur allgemeinen Schulpflicht. Dazu gehört für uns auch in der Sekundarstufe II die Pflicht zur regelmäßigen Teilnahme am Unterricht. Die Verordnung über den Bildungsgang und die Abiturprüfung in der gymnasialen Oberstufe (APO-GOSt) bedarf allerdings dringend einer Überarbeitung. Insbesondere die Bedingungen zur Wahl der Abiturfächer sind in ihrer aktuellen Form nicht zeitgemäß. So ist es Schülern nicht möglich, die Abiturprüfung in zwei naturwissenschaftlichen Fächern abzulegen. Ferner müssen die Belegungsverpflichtungen überdacht und an den organisatorischen Rahmen angepasst werden. Gerade die Zusatzkurse in Geschichte und Sozialwissenschaften ignorieren die Kontinuität der Kurse in der Qualifikationsphase und führen zu zusätzlichem Nachmittagsunterricht im letzten Jahr vor dem Abitur.

In der Primarstufe und in der Sekundarstufe I bietet der Klassenverband den Schülern eine Struktur und Orientierung, die für ihre Entwicklung unerlässlich ist. Daher sprechen wir uns gegen eine noch frühere Modularisierung des Unterrichts aus. An der grundsätzlichen Gliederung des Unterrichts in Fächer wie auch am bestehenden Fächerkanon einschließlich des konfessionellen Religions- und des Sportunterrichts halten wir fest. Anstelle eines zusätzlichen Schulfachs „Wirtschaft“ wollen wir die Fächer Politik/Wirtschaft in der Sekundarstufe I und Sozialwissenschaften in der Sekundarstufe II stärker auf volkswirtschaftliche Inhalte ausrichten. Das Fach Sozialwissenschaften soll künftig auch in der Sekundarstufe II Politik/Wirtschaft heißen.

Akzeleration ist die wirksamste Maßnahme der Begabtenförderung. Einige Schulen bieten bereits Programme zum Überspringen von Klassenstufen für mehr als nur einzelne Schüler an. Wir unterstützen solche Programme ausdrücklich und setzen uns dafür ein, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Akzelerationsmöglichkeiten nicht die Ausnahme bleiben. Insbesondere für den Fall, dass sich zu wenige Schulen für den achtjährigen gymnasialen Bildungsgang entscheiden, um die Wahlfreiheit aufrechtzuerhalten, muss es durch vereinfachte Akzeleration weiterhin möglich sein, das Gymnasium auch in weniger als neun Jahren abzuschließen.

Wir wenden uns gegen die bis in genaueste Vorschriften ausgestaltete Verrechtlichung der Förderung der Schüler durch die Lehrer. Insbesondere sind die Vorschriften über Lern- und Förderempfehlungen zu streichen. Fördern ist ohnehin Hauptaufgabe des Lehrers, der immer im Einzelfall entscheiden muss, welche Maßnahme angebracht ist. Dazu ist es insbesondere notwendig, dass der Lehrer den Leistungsstand der einzelnen Schüler kennt und ihre Leistungsentwicklung verfolgt. Eine Anonymisierung von schriftlichen Leistungsüberprüfungen lehnen wir daher ab.

Darüber hinaus sprechen wir uns gegen Regelungen aus, die keinen Beitrag zur Bildung leisten, aber den Organisationsaufwand für die Schulen erheblich vergrößern. Wir fordern, die Kommunikationsprüfungen in den Fremdsprachen, die regelmäßig erheblichen Unterrichtsausfall verursachen, aber gegenüber den mündlichen Leistungen im regulären Unterricht keinen Erkenntnisgewinn bringen, abzuschaffen.

Chancen durch Differenzierung

Die Jungen Liberalen setzen sich für ein nach Leistung differenzierendes Schulsystem ein; in einer Klasse soll grundsätzlich zielgleich unterrichtet werden. Wir wollen Hauptschule, Realschule und Gymnasium als eigenständige Schulformen mit unterschiedlichen Zielen erhalten. Dazu muss den Schulformen, die nicht zum Abitur führen, wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht werden.

  • Zur Differenzierung nach den Zielen gehört für uns auch, dass die jeweiligen Schulabschlüsse nur an der entsprechenden Schulform erlangt werden können. Insbesondere sollen Gymnasien keine Haupt- und Realschulabschlüsse mehr vergeben.
  • Wo der Erhalt einzelner Haupt- und Realschulen nicht mehr möglich ist, sollen diese zu einer Sekundarschule mit einem Haupt- und einem Realschulbildungsgang zusammengelegt werden können. Die Privilegierung der Gesamtschulen muss sofort beendet werden; langfristig soll diese Schulform auslaufen.
  • Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I soll weiterhin in der Regel nach dem vierten Schuljahr erfolgen. Eine völlige Wahlfreiheit entspricht dabei nicht dem Leistungsprinzip. Es ist zu prüfen, ob der Wechsel zur weiterführenden Schule besser durch eine verbindliche Schulformempfehlung der Grundschule oder durch eine Auswahl der Schüler durch die aufnehmende Schule geregelt werden kann. Die Durchlässigkeit des Schulsystems für einen späteren Wechsel zu einer anderen Schulform muss weiter verbessert werden.

Die Jungen Liberalen bekennen sich zum Recht Behinderter, eine allgemeinbildende Schule zu besuchen. Daher wollen wir die Förderschulen flächendeckend erhalten. Eine ausschließlich gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Schülern an einer Regelschule hingegen wird keiner der beiden Gruppen gerecht und ist auch durch die UN-Behindertenrechtskonvention nicht geboten.

Weltbeste Bildung – auch für Lehrer

Die Jungen Liberalen sind überzeugt, dass mit der Schulpflicht auch eine besondere Treuepflicht der Lehrer gegenüber dem Land einhergehen muss. Lehrer nehmen hoheitliche Aufgaben wahr. Daher halten wir am Beamtenstatus der Lehrer fest. Dazu gehört für uns insbesondere das Streikverbot. Die Praxis, einige Lehrer stattdessen als Angestellte zu beschäftigen, halten wir für nicht tragbar. Wir fordern, dass alle Lehrer unabhängig von der Schulform, an der sie unterrichten, in den höheren Dienst eingruppiert und im Eingangsamt nach A13Z besoldet werden.

Die Verkürzung des Referendariats auf anderthalb Jahre ist eine reine Sparmaßnahme zulasten der Unterrichtsqualität. Wir fordern, das Referendariat wieder auf zwei Jahre zu verlängern, und sprechen uns gegen den Trend aus, die schulpraktische Lehrerausbildung auf Kosten der fachlichen Anteile immer weiter ins Studium vorzuverlagern. Neben Fachdidaktik und Pädagogik sind immer auch die fachwissenschaftlichen Kenntnisse der Lehrer notwendige Voraussetzung für erfolgreiches Lehren. Fachdidaktik und Pädagogik können nur dann optimal wirken, wenn sie auf einem soliden Fundament von Fachwissen zum Einsatz kommen. Wir beobachten mit Sorge, dass der fachwissenschaftliche Anteil am Lehramtsstudium nahezu halbiert wurde, und setzen uns dafür ein, die fachliche Ausbildung der Lehrer deutlich zu stärken.

Von bürokratischen Dokumentationspflichten muss die Lehrerausbildung hingegen schleunigst befreit werden. Wir fordern, das Portfolio Praxiselemente als verpflichtenden Bestandteil der Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen abzuschaffen. Dazu sind § 12 Absatz 1 Satz 2 des Lehrerausbildungsgesetzes und § 13 der Lehramtszugangsverordnung sowie entsprechende Regelungen in den Prüfungsordnungen der Lehramtsstudiengänge ersatzlos zu streichen.

Die Lehrerbildung darf nicht mit dem Erwerb der Lehramtsbefähigung enden. Auch nach Abschluss der Ausbildung müssen sich Lehrer kontinuierlich weiterbilden. Wir wollen den Lehrern dazu wieder mehr Freiheit bei der Auswahl der Fortbildungen geben und ihnen ermöglichen, auch an externen Fortbildungen teilzunehmen. Lediglich kollegiumsinterne Fortbildungen zu finanzieren, wird dem individuell unterschiedlichen Schwerpunkt und Weiterbildungsbedarf der Lehrer nicht gerecht.